Endometriose-Patientin nach einer Laparoskopie im Spitalbett wird von medizinischen Fachpersonen betreut

AVOS und Endometriose-Operationen

Interview mit Dr. med Thomas Eggimann

AVOS, also «ambulant vor stationär», sorgt aktuell in der Gynäkologie für Diskussionen. Neu sollen im Kanton Luzern auch laparoskopische Eingriffe grundsätzlich ambulant durchgeführt werden. Bei Endometriose ist eine Bauchspiegelung jedoch nicht immer ein kleiner Routineeingriff. Je nach Befund, Schmerzen und Komplexität kann eine stationäre Betreuung medizinisch wichtig sein. Was bedeutet diese Entwicklung für Betroffene? Darüber sprechen wir mit Dr. med. Thomas Eggimann, Generalsekretär der gynécologie suisse SGGG und stellvertretender Chefarzt der Frauenklinik des Spitals Emmental in Burgdorf.

Sehr geehrter Herr Dr. Eggimann

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Interview nehmen und unsere Fragen beantworten.

Eggimann: Sehr gerne !

Was bedeutet AVOS «ambulant vor stationär» konkret für gynäkologische Eingriffe und warum beschäftigt dieses Thema aktuell die SGGG?

AVOS ist nichts Neues. Die Ambulantisierung der Medizin schreitet voran, bisher aber nur schleppend. Insbesondere was die Kosten und den Fachkräftemangel angeht, verspricht sich die Politik von AVOS viel. Wenn namhafte Anteile der Operierten gleichentags die Klinik verlassen, spart man Betten und Nachtwachepersonal. Unpassenderweise sind neue ambulante Tarife, oft auf Pauschalen basierend, parallel zu dieser Ambulantisierungsinitiative eingeführt worden. Diese Pauschalen sind zum Teil so knapp berechnet, dass Kliniken und Ärzteschaft wenig Motivation haben, die Ambulantisierung voranzutreiben. Dies weil die Kosten nicht gedeckt sind. Als Fachgesellschaft haben wir primär Verantwortung für Qualität und Patientinnenwohl, aber sekundär sind wir auch für eine flächendeckende Versorgung mitverantwortlich. Die neuen Pauschaltarife gefährden diese, weil Schliessungen von Kliniken drohen.

Die SGGG kritisiert, dass laparoskopische Eingriffe nicht pauschal ambulant durchgeführt werden sollten. Warum ist gerade bei Endometriose Vorsicht geboten?

Vom Eingriff her könnten die meisten Endometrioseeingriffe laparoskopisch und im ambulanten Setting durchgeführt werden. Wir haben das schon vor über 15 Jahren angefangen. Neben einer guten Schmerztherapie ist eine Erreichbarkeit der Operateur/innen rund um die Uhr zu gewährleisten. Hier wird also bei schlechterer Vergütung mehr Leistung von den Kliniken und der Ärzteschaft abverlangt. Daneben ist aber der Faktor Mensch bei den Patientinnen nicht ausser Acht zu lassen. Viele haben jahrelange Schmerzanamnesen und Odysseen hinter sich. Das Vertrauen in den Körper ist manchmal erschüttert und da kann es wertvoll sein, 24 bis 48 Stunden im Spitalsetting zu haben, um zu spüren, dass der initiale Schmerz postoperativ ist und nicht eine Fortsetzung des Endometrioseschmerzes. Deshalb ist Endometriose nicht gleich Endometriose. Die Krankheit per se ist ja so vielfältig, dass Endo-Help das Chamäleon im Logo trägt.

Wann sollte eine Endometriose-Operation aus medizinischer Sicht eher stationär durchgeführt werden?

Für mich sind die gesamten Umstände, Krankheitsverlauf, Anamnese, zusätzliche Erkrankungen im somatischen und psychischen Bereich die entscheidenden Punkte. So kann im Vorfeld das Bedürfnis der Betroffenen abgeholt werden und hoffentlich eine passende Lösung gefunden werden.

Welche Risiken können entstehen, wenn Betroffene nach einer Endometriose-Operation zu früh nach Hause gehen?

Einerseits können Schmerzen ein Problem sein. Traumatische Erlebnisse im Zusammenhang mit postoperativen Schmerzen können weitere Symptome triggern und eine chronische Schmerzproblematik eher fördern als dämpfen. Auch sind bei grösseren Eingriffen versteckte Komplikationen (z.Bsp. Thermische Schäden durch die Anwendung von Strom zur Blutungskontrolle) möglich. Die üblichen Komplikationen wie Nachblutungen und Infektionen sind wohl bei stationären und ambulanten Eingriffen ähnlich. Sogenannte Spitalkeime bei ambulanten Eingriffen sogar seltener.

Wer entscheidet am Ende, ob eine Operation ambulant oder stationär durchgeführt wird?

Letztendlich die Ärztin/der Arzt, aber ob das dann wirklich so von Kanton und Krankenkasse akzeptiert wird?

Was sollten Betroffene vor einer geplanten Operation unbedingt mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt besprechen?

Ohne zu verängstigen, sollten bei einer geplanten Operation mögliche Eskalationsschritte erwähnt und besprochen werden. Ich ermuntere immer auch zu einer Zweitmeinung und genügend Zeit. Eine Endometriose ist eigentlich nie ein Notfalleingriff. Also hat man Zeit zu Planen und «sich schlau zu machen».

Was wünscht sich die SGGG von Politik, Kantonen und Versicherern, damit Patientinnensicherheit und medizinische Qualität gewährleistet bleiben?

Gemeinsame Diskussionen auf Augenhöhe, bei denen alle Beteiligten einbezogen werden. Solange vor allem eine Kostendiskussion und nicht auch eine Nutzendiskussion in der Medizin geführt wird, gibt es keine Kollaboration, die für Alle positiv sein kann. Es gibt Beispiele, wie eine ambulante Finanzierung sowohl Qualität, als auch Kostenkontrolle und Weiterbildung ermöglichen und trotzdem tiefer sind als im stationären Bereich. Damit kann die Ambulantisierung gefördert werden, ohne stationäre Aufenthalte, wo angebracht, einfach zu verbieten.

Was ist Ihre wichtigste Botschaft an Endometriose-Betroffene, die vor einer Operation stehen und sich durch AVOS verunsichert fühlen?

AVOS soll nicht die Sorge der Betroffenen sein. Da muss ihre Ärztin/ihr Arzt nach bestem Wissen die Ausdehnung des Eingriffs versuchen abzuschätzen. Zumindest im Kanton Luzern sei gemäss der Gesundheitsdirektion der Entscheid stationär/ambulant bei den behandelnden Ärzt/innen. Selbstverständlich hält sich die Gesundheitsdirektion vor, Ärzt/innen zu kontrollieren. Wie gesagt, darf das nicht die Sorge der Patientin werden. Lassen Sie sich auch nie von einer Ärztin/einem Arzt zu Zahlungen auf privater Basis überreden. Spätestens da rate ich dringend zu einer Zweimeinung.

Dieses Interview wurde mit folgender Fachperson durchgeführt:

Dr. med. Thomas Eggimann

Generalsekretär gynécologie suisse SGGG
Stellvertretender Chefarzt der Frauenklinik des Spitals Emmental in Burgdorf
Dr. med. Thomas Eggimann, Generalsekretär der gynécologie suisse SGGG und stellvertretender Chefarzt der Frauenklinik des Spitals Emmental in Burgdorf

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Dieses Interview wurde mit folgender Fachperson durchgeführt:

Dr. med. Thomas Eggimann

Generalsekretär gynécologie suisse SGGG
Stellvertretender Chefarzt der Frauenklinik des Spitals Emmental in Burgdorf
Dr. med. Thomas Eggimann, Generalsekretär der gynécologie suisse SGGG und stellvertretender Chefarzt der Frauenklinik des Spitals Emmental in Burgdorf

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